... schon Geschichte ...

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist Pfarrer Guggemos in Münchsteinach schon Geschichte. Von 2004 bis 2011 hatte ich die Ehre und die Freude, hier das Pfarramt zu führen. So Grüße ich in die Münchsteinacher Zukunft.

Es ist übrigens eine interessante Sache, um dieses Wort „Geschichte“. Sie wird ja erst eine Geschichte, wenn jemand sie erzählt. Vorher waren es nur lauter Zufälligkeiten. Es ist für uns wichtig, dass wir Geschichten erzählen. Nicht nur schöne und unterhaltsame, sondern auch unsere eigene Geschichte.

Aus der Seelsorge weiß ich, wie gut es ist, wenn Menschen ihre Geschichte erzählen. Sie bringen Ordnung in verworrene Erinnerungen und werden wir frei, von dem, was andere über sie erzählen und erzählt haben. Wenn wir gefragt werden, wer wir sind, fangen wir nicht umsonst an, zu erzählen. Bei einem Lebenslauf in einer Bewerbung sagt die Auswahl der Fakten mindestens genau so viel aus wie die Fakten selbst.

Gott hat uns eine Fähigkeit gegeben, die uns von seinen anderen Geschöpfen unterscheidet: Wir können aus der Erinnerung eine Geschichte machen. Aber er bietet uns noch etwas an, was mindestens genau so wertvoll ist: Er selbst erzählt die Geschichte unseres Lebens. Als „Autor“ hat er nicht nur das Urheberrecht des Lebens, sondern er ist der, der aus den Fäden unserer Geschichten den wunderbaren Teppich seiner Heils- Geschichte webt. Die Bibel erzählt diese Geschichte Gottes mit den Menschen. Was hat sie mit der Geschichte Münchsteinachs zu tun, mit der Geschichte ihrer Familie, mit der Geschichte jedes Einzelnen?

Wenn es in dieser Festschrift um die Geschichte Münchsteinachs geht, dann möchte ich die Frage stellen: Welche ist unsere Geschichte? Wann beginnt sie? Mit den Exulanten aus Österreich? Mit der Klostergründung? Mit der ersten urkundlichen Erwähnung? Oder doch mit den Kelten, die hier einmal gesiedelt haben? Merkwürdig nur, dass wir genetisch mit den Kelten kaum verwandt sind, wie man herausgefunden hat. Unsere Vorfahren, die Germanen, haben ziemlich gehaust und die eingesessene Bevölkerung vertrieben und ausgerottet. Beginnt damit unsere Geschichte? Oder beginnt sie mit meinem Großvater, der zuerst die Nazis gewählt hat, und dann froh war, in Sibirien nicht verhungert zu sein? Oder, anders gefragt: Beginnt unsere Geschichte, als die Affen von den Bäumen stiegen, oder beginnt sie, als Mose Gottes Volk das Gebot der Nächstenliebe gab?

Sie sehen: Die Frage nach unserer Geschichte hat entscheidende Bedeutung. Sie beinhaltet nämlich die Frage, wer wir sind. Wer sind wir? Wer sind unsere Vorläufer und Vorbilder? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was ist unsere Bestimmung? Wenn das was passiert eine Geschichte ist, dann gibt es einen roten Faden, einen Anfang und ein Ende. Und eine Geschichte hat einen Autor, der entscheidet, wann und wo er beginnt zu erzählen, und wann und wo die Handlungsfäden ihr Ziel finden.

Die Philosophen betonen, dass wir unsere Geschichte erforschen und erzählen müssen, damit wir nicht vergessen, wer wir sind. „Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana, von dem dieses Zitat stammt, hat damit völlig Recht. Als Theologe sage ich aber auch: „Wenn der Mensch seine Geschichte nicht von Gott erzählen lässt, ist er verurteilt, sie selbst zu erzählen.“ Welches soll die Geschichte sein, von der wir herkommen: Zufälle, Kriege und das Recht des Siegers? Oder sind wir Räder im System der Ökonomie, Produzenten und Konsumenten? Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? Oder lassen wir Gott unsere Geschichte erzählen: Sie beginnt mit Adam und Eva, die Gott mit Begabungen ausstattet und unendlich liebt; mit Abraham, den Gott segnet, auf dass er ein Segen sei; mit den Propheten, denen wir die Menschenrechte verdanken; mit Jesus Christus, in dem wir den Himmel auf Erden finden. Und sie endet dort wo Glaube, Liebe und Hoffnung sich erfüllen.

Welches ist die Geschichte, in der wir unser Leben begreifen? Das ist die Frage, an der sich alles entscheiden wird, am Ende, wenn uns Gott unsere Geschichte aus seiner Sicht erzählt. Und schon heute entscheidet sich daran, welche Qualität unser Leben erhält.

Es grüßt Sie, Münchsteinacher und Freunde Münchsteinachs, aus Heinersreuth Pfarrer Otto Guggemos mit Familie, der hier sieben wunderbare Jahre verbracht hat.

 
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